Wettbewerbsanalyse und Nischenpotenzial
Das Verfahren, mit dem Du eine Nische bewertest, bevor Du Arbeit hineinsteckst. Ohne bezahlte Werkzeuge, mit Zahlen, die offen auf Etsy stehen.
Dieser Bereich geht über den Kurs hinaus. Im Kurs lernst Du in Kapitel neun und zehn, wie Du eine Nische findest und den Wettbewerb ansiehst. Hier steht das Verfahren, mit dem Du eine Nische bewertest, bevor Du Arbeit hineinsteckst, und mit dem Du später erkennst, ob sich der Einsatz gelohnt hat.
Es kommt ohne bezahlte Werkzeuge aus. Alles, was Du brauchst, steht offen auf Etsy, man muss nur wissen, wo.
Die vier Fragen, die eine Nische beantworten muss
Eine Nische ist dann interessant, wenn alle vier Antworten stimmen. Bei drei von vier lohnt sich ein zweiter Blick, bei zwei lässt Du es.
Gibt es Nachfrage? Wird nach dem gesucht, was Du anbieten willst? Das prüfst Du an den Suchvorschlägen, die Etsy beim Tippen einblendet. Diese Vorschläge stammen aus echten Suchanfragen, nicht aus einer Hochrechnung. Erscheint Deine Formulierung dort nicht, sucht sie niemand.
Wird gekauft? Nachfrage allein reicht nicht. Es muss Listings geben, die aktuelle Bewertungen haben. Aktuelle Bewertungen sind der einzige öffentlich sichtbare Beweis dafür, dass in dieser Nische heute Geld fließt.
Ist Platz? Wenn die ersten zehn Treffer alle professionell gemacht sind, ist die Nische besetzt. Wenn mittelmäßige Listings mit Verkäufen darunter sind, ist Platz. Das ist der Unterschied zwischen einer vollen und einer dichten Nische.
Trägt der Preis? Die Preise, die dort erzielt werden, müssen über Deiner Kalkulation liegen. Wenn in einer Nische bei 19 Euro verkauft wird und Deine Rechnung erst bei 27 Euro aufgeht, ist die Nische für Print on Demand ungeeignet, egal wie attraktiv sie sonst wirkt.
Die Rechnung, mit der Du Shops einschätzt
Zwei Zahlen stehen auf jeder Shopseite: die Gesamtzahl der Verkäufe und das Eröffnungsdatum. Zusammen ergeben sie den einzigen belastbaren Durchschnitt, den Du ohne Werkzeug bekommst.
Verkäufe geteilt durch die Zahl der Monate seit Eröffnung ergibt die Verkäufe pro Monat. Ein Shop mit 8.000 Verkäufen seit 2020 kommt auf gut 100 im Monat. Teilst Du das durch die Zahl seiner Listings, siehst Du, wie viel ein einzelnes Listing im Schnitt trägt. Meist ist das eine ernüchternd kleine Zahl, und genau deshalb ist die Rechnung nützlich: Sie nimmt großen Zahlen den Schrecken.
Diese Rechnung unterschätzt aktive Shops, weil Verkäufe selten gleichmäßig über die Jahre verteilt sind. Deshalb kommt der Aktualitätstest dazu: Sieh Dir das Datum der letzten fünf Bewertungen an. Liegen sie in den letzten Wochen, ist der Shop aktiv. Liegt die jüngste ein Jahr zurück, zehrt er von früher, und die Gesamtzahl täuscht.
Zur Einordnung: Auf Etsy bewertet grob jeder fünfte bis zehnte Käufer. Fünf Bewertungen im letzten Monat entsprechen also eher 25 bis 50 Verkäufen.
Woran Du Potenzial erkennst
Die beste Ausgangslage ist nicht eine leere Nische. Eine leere Nische ist meistens leer, weil dort niemand kauft.
Die beste Ausgangslage ist eine Nische, in der nachweislich verkauft wird und die Ausführung mittelmäßig ist. Konkret heißt das: Es gibt Listings mit aktuellen Bewertungen, aber ihre ersten Bilder sind generische Mockups, ihre Titel sind Stichwortlisten, ihre Beschreibungen enthalten keine Größentabelle und sprechen niemanden bestimmten an.
Dort kaufen Menschen trotz der Ausführung. Das ist die Lücke, und sie besteht nicht aus einem fehlenden Motiv, sondern aus fehlender Sorgfalt.
Woran Du erkennst, dass Du die Finger lassen solltest
Vier Zeichen, die zusammen einen Markt anzeigen, in dem Du als Neueinsteiger nichts holst.
Die ersten zehn Treffer sind ausnahmslos professionell: eigene Fotos, klare Positionierung, vollständige Angaben, konsistente Bildsprache. Mehrere Shops haben fünfstellige Verkaufszahlen und aktuelle Bewertungen. Die Preise liegen niedrig, es wird also über den Preis konkurriert, und diesen Kampf verlierst Du mit festen Produktionskosten. Und Etsy zeigt viele Anzeigen für den Begriff, andere zahlen also bereits für Sichtbarkeit.
Treffen drei davon zu, geh eine Ebene tiefer. Statt eines allgemeinen Anlasses nimm einen bestimmten, statt einer Berufsgruppe einen bestimmten Bereich darin. Die Suchmenge sinkt, Deine Chance steigt.
Wie Du das Potenzial abschätzt
Diese Rechnung ist grob und trotzdem nützlicher als jedes Bauchgefühl.
Nimm die Zahl der Menschen in Deiner Zielgruppe, soweit Du sie ungefähr kennst. Schätze, welcher Anteil davon im Jahr einen passenden Anlass hat. Schätze weiter, welcher Anteil davon online sucht statt im Laden kauft. Und schätze zuletzt Deinen erreichbaren Anteil daran, was für einen neuen Shop im niedrigen einstelligen Prozentbereich liegt.
Ein Beispiel: 25.000 Menschen in der Gruppe, jeder zwanzigste hat im Jahr einen Anlass, das sind 1.250. Davon suchen zwei Drittel online, bleiben rund 830. Davon erreichst Du im ersten Jahr vielleicht drei Prozent, also 25 Verkäufe.
Fünfundzwanzig Verkäufe klingen nach wenig, und das sind sie auch. Der Punkt dieser Rechnung ist ein anderer: Sie zeigt Dir, dass eine einzelne Nische selten ein Einkommen trägt. Was ein Einkommen trägt, ist ein Verfahren, das Du auf mehrere Nischen anwendest. Wenn es für die erste funktioniert, nimmst Du die zweite dazu.
Was Du regelmäßig nachprüfst
Eine Nischenbewertung ist keine einmalige Sache. Dreimal im Jahr, etwa zu Jahresbeginn, vor dem Sommer und vor dem vierten Quartal, gehst Du dieselben Fragen noch einmal durch.
Prüf, ob sich die Zahl der Anbieter deutlich verändert hat. Prüf, ob die Preisspanne gestiegen oder gefallen ist. Prüf, ob neue Shops mit besserer Ausführung dazugekommen sind. Und prüf, ob die Produktionskosten bei Deinem Anbieter gestiegen sind, denn das verschiebt Deine Kalkulation, ohne dass sich am Markt etwas geändert hätte.
Wenn ein Markt sich schließt, merkst Du das an diesen Prüfungen früh genug, um die Motive auf eine andere Zielgruppe zu übertragen, statt Monate weiterzulaufen.
